Unerwartet & unerklärt – Spekulation und Unsicherheit als Stilmittel

14. Oktober 2016
Kategorien: Blog, Schreiben

Immer wieder werden angehende Schreiberlinge daran erinnert ihre Leser nicht zu unterschätzen. Nicht jedes Detail muss beschrieben, nicht jede Aussage erklärt werden. Die Fantasie des Lesers füllt jene Lücken, die man als Autor lässt. Der große Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass der Leser die Lücken so füllt, dass sie zu seiner bereits geformten Vorstellung der Welt passen. Daraus ergibt sich innere Konsistenz, ohne dass man Mühe darauf verwenden muss.

Die Fantasie des Lesers für die Erzählung einer Geschichte einzuspannen ist eine ungemein nützliche Fähigkeit, weil man so auf Beschreibungen verzichten und die gesparten Wörter stattdessen in Handlung, Charakterentwicklung und Hintergrund investieren kann. Durch das Weniger an Beschreibung wird der Text zudem straffer und hält die Aufmerksamkeit besser als endlose Beschreibungen, die letztendlich nirgendwo hin führen. Nicht zuletzt ist es eine der großen Freuden des Lesens Geheimnisse aufzudecken, Hinweisen zu folgen und diese zu einer Lösung zu kombinieren, bevor der Protagonist dies tut.

Die Saat des Zweifels

Eine andere Herangehensweise, die Fantasie des Lesers für die Handlung einzuspannenn, ist mehrere Szenarien zu eröffnen, die alle möglich erscheinen, aber zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen führen. Sofort setzt die Abwägung von Kosten und Nutzen ein, werden Beziehungen neu bewertet und scheinbar belanglosen Aussagen neu betrachtet. Im Kopf des Lesers entwickeln sich Szenarien, Eines dramatischer als das Andere, von denen letztendlich nur eines wahr werden kann.

Um fesselnde Unsicherheit aufkommen zu lassen, müssen wir uns aber erst einmal sicher gewesen sein. Eine Figur und ihre Motivationen, Herkunft, Ziele und ihr Umfeld müssen hinreichend beschrieben werden, bis wir glauben sie gut genug zu kennen, um ihre Reaktionen vorherzusagen. Erst dann können unseren Überzeugungen erschüttert werden und aus dem zerschmetterten Vertrauen in unser Verständnis der Charaktere erwächst Spekulation über die Hintergründe, sowie der Drang weiter zu lesen, um selbige aufzudecken.

Von der Saat zur Ernte

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die überraschende Entwicklung plausibel ist. Plausibilität im Widerspruch zu erzeugen mag im ersten Moment herausfordernd wirken, aber wie für jedes andere Handlungs-Element auch gibt es hierfür Handwerkszeug.

Eine unerwartete Veränderung darf – trotz aller Überraschung – nicht aus dem Nichts kommen. Ein Charakterzug, der zuvor kaum beleuchtet wurde, kann glaubhaft in den Vordergrund rücken und eine Überraschung erzeugen. Dieser Charakterzug muss aber bereits erwähnt worden sein, sonst wirkt es wie ein billiger Trick, statt wie eine unerwartete Wendung. Ebenso können die Umstände sich geändert haben, aber auch diese Veränderungen müssen zuvor angedeutet worden sein, zum Beispiel indem eine bisher unbeteiligte Fraktion in einen Konflikt einsteigt. Gesellschaftliche Normen, wichtige Nebenfiguren oder auch die gute alte Bedrohung von außen dürfen nicht aus der Luft gegriffen wirken.

Damit Überraschungen und die damit einhergehende Unsicherheit nicht langweilig werden, sollte außerdem nicht jedes Mal die gleiche Art von Überraschung eingesetzt werden. Die fünf W-Fragen sind ein einfaches Beispiel für Dimensionen, anhand derer man eine Überraschung kategorisieren kann:

  • Wer? Beispiel: Nicht meine Schwester versucht an das Erbe zu kommen, sondern die Familie des angeheirateten Onkels.
  • Wo? Beispiel: Statt, wie erwartet, im Norden einer Stadt, schlägt der Mörder an einem scheinbar beliebigen Ort zu.
  • Was? Beispiel: Die Kollegin will gar nicht selbst befördert werden, sondern die Protagonistin aus der Firma mobben.
  • Wie? Beispiel: Die Schlacht um eine Burg stellt sich als Ablenkung heraus, während einige Getreue in die Festung eindringen und den König als Geisel nehmen.
  • Warum? Beispiel: Ein Archäologe ist nicht aus Gier zum Grabräuber geworden, sondern um seine Spielschulden zu begleichen.

Eine glaubhafte Veränderung, überraschend oder nicht, erwächst meist aus Zügen, die einer Figur oder ihrem Umfeld bereits inne wohnen. Warum diese Züge bisher nicht im Vordergrund standen ist eine andere, ebenso spannende Frage, die beleuchtet werden kann, um eine Figur zu erforschen. Alternativ kann die Unsicherheit auf der Ebene der Figur liegen, weil ein Charakter zum Beispiel kein umfassendes Bild der Situation hat. Wie auch immer die unerwartete Handlung aussieht, aus Sicht der Figur muss sie motiviert sein. Dann haben Leser auch kein Problem damit zu warten, bis die Hintergründe erläutert werden.

Gut eingesetzte Unwägbarkeit erzeugt Verwirrung, Spannung, Konflikte und eröffnet Möglichkeiten. Das aber mit Sicherheit.

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Kommentare

"Guestroodo" schrieb am 04. January 2018 um 10:31 :

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