Überwältigt

17. November 2016
Kategorien: Blog, Von und mit mir

Mir wurde einst beigebracht, dass ich andere Leute ja nicht mit meinen Problemen belästigen solle. Falls ihr euch also davon belästigt fühlt, dass ich zu der Sorte Mensch gehöre, die auch ohne triftigen Anlass schwierige Phasen im Leben hat, dann überspringt diesen Blogpost bitte.

Am Anfang war der Stress. Stress hat viele Ausprägungen: es gibt Stress, der einen zu Höchstleistungen treibt und Stress, der einem Sodbrennen und Magengeschwüre schenkt. Ein gesunder Mensch hält das aus und wir alle wissen, dass Stress manchmal unvermeidlich ist. Man verschätzt sich, etwas kommt dazwischen, ein Kollege wird krank, der Kindergarten streikt…

Wir sind mit Werkzeugen ausgestattet um Stress zu bewältigen, so wie wir ein Immunsystem haben um Krankheitserreger zu bekämpfen. Und genau wie unser Immunsystem, kann auch unser Stressbewältigungsmechanismus geschwächt werden. Doch während unsere Physis weitgehend auf Autopilot läuft, ist unsere Psyche viel näher an unserer bewussten Erfahrung. Ist unser Stresspensum erschöpft, dann werden wir ungeduldig, reizbar, unkonzentriert und schließlich erschöpft. Stress kostet Energie.

Ich kann nicht mehr gut mit Stress umgehen. Das war einmal anders, aber von dieser Erinnerung kann ich mir nichts kaufen. Meistens komme ich zurecht, aber wenn sich viele Aufgaben aufstauen und kein Ende in Sicht ist, dann klappe ich zusammen. Dann schiebe ich eine E-Mail aus drei Sätzen einen halben Tag vor mir her und laufe lieber zwölfmal vom Computer zum Kühlschrank, als einmal den Restmüll vor die Tür zu bringen. Stress kann aus einem vernunftbegabten Wesen ein panikgesteuertes Tier machen. Stress kann einen Menschen als denkendes Wesen zerstören.

So geht es mir manchmal. So vergehen Tage, an denen es viel zu tun gäbe und ich trotzdem unproduktiv bin. Tage, an denen ich 20 mal Facebook und 30 Mal Twitter aufrufe, obwohl es nichts Neues zu lesen gibt. Tage an denen ich Termine vergesse, mich nicht bei meiner Familie melde und an denen mein Hund mir an der Hand knabbern muss, bevor wir endlich Gassi gehen.

Ich weiß wie absurd diese Situation ist. Ich weiß wie lächerlich es ist, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe, aber bereits fünfzehn mal in den Kühlschrank gesehen habe. Ich weiß, dass fünf Tage Dosenravioli keine gesunde Ernährung sind. Ich weiß, dass man seine Socken üblicherweise öfter als zweimal in der Woche wechselt. Aber es bleibt nichts, als jeden Tag gegen die Lähmung anzukämpfen und zu versuchen wieder in einen Alltag zu finden.

Irgendwann geht es wieder, so als sei nichts geschehen. Man zeigt sich wieder, sagt man hatte ein paar schwierige Tage. Alles wieder gut. Insgeheim hofft man, dass es nicht wieder passiert. Man bringt seine Leistung, genießt die Gesellschaft seiner Freunde und tut all die Sachen, die man scheinbar grundlos aufgeschoben hat. Doch im Hinterkopf lauert die Gewissheit, dass es wieder passieren wird. Nächstes Mal ist man ein kleines bisschen besser gerüstet, wird ein kleines bisschen schneller aus dem Loch heraus steigen und ein kleines bisschen weniger darunter leiden. Das ist zumindest die Hoffnung.

Ich weiß dass es Andere gibt, denen es genauso geht. Auch sie kämpfen sich durch ihre schweren Zeiten. Ihrem Durchhaltewillen, der Weigerung sich aufzugeben, wohnt etwas inspirierendes Inne, das auch mir durch meine schweren Zeiten hilft. Etwas Anderes bleibt mir auch nicht übrig, denn es gibt kein Allheilmittel. Wir Menschen funktionieren ähnlich, aber wir gehen sehr unterschiedlich kaputt. Jeder muss für sich herausfinden, wie die Bruchstellen geflickt werden können, wie wieder ganz werden kann was zerbrochen ist.

Aber auf dem Weg dorthin hilft es zu wissen, dass man nicht alleine ist. Dass man nicht „abartig“ ist, sondern einer von vielen. Einer von vielen, die alle genauso ungerne von ihren Erlebnissen berichten wie man selbst. Aber sie sind da und sie halten durch und das gibt mir die Gewissheit, dass ich das auch tun kann, egal wie sehr mein Leben mich überwältigt und zu erdrücken scheint. Und auch ich stehe wieder auf und lege Zeugnis ab, dass es eine Welt danach gibt. Was auch sonst?

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Kommentare

"Kishiruto" schrieb am 17. November 2016 um 03:15 :

"Nächstes Mal ist man ein kleines bisschen besser gerüstet, wird ein kleines bisschen schneller aus dem Loch heraus steigen und ein kleines bisschen weniger darunter leiden. Das ist zumindest die Hoffnung."

Durchaus, den letzten Satz kann ich so unterstreichen.
Ich kenn das sehr gut, wenn man mal phasenweise all seine Verpflichtungen (egal wie aufwendig) auf die gute alte To-Do Liste packt und sich damit dann erstmal zufrieden gibt.

Irgendwann kommt dann der große Tag, wo ich mich dann doch mal dazu überwinden kann, zumindet eine Aufgabe davon anzugehen.
Das weckt in mir dann jedoch eine Art Motivations-Prozess, in welchem ich dann plötzlich alles auf einmal runterarbeite - unahängig davon, wie lange es dauert oder wie nervig es ja eigentlich ist.

Würde ich diese Motivations-Schübe einfach besser steuern und täglich dosieren, hätte ich vermutlich deutlich weniger Sorgen und in manchen Situationen entsprechend auch weniger Stress.

Das denke ich mir dann auch jedes Mal, oder wie halt schon im Text beschrieben "Das ist zumindest die Hoffnung", aber trotzdem komme ich halt immer wieder in diese Situation.
Das sind dann auch die Tage, wo man Facebook/Reddit etc. schließt, weil man nichts Interessantes findet und es im gleichen Zug instinktiv wieder öffnet (So wie das Beispiel mit dem Kühlschrank).

Ich habe mit der Zeit auch gemerkt, dass so Faktoren wie Schlaf und Ernährung eine enorme Rolle spielen.
Somit kann man zumindest etwas gezielter beschließen, wann man seine Produktivität denn nun steigern möchte.

Meiner Erfahrung nach ist es aber eigentlich am besten, wenn man sowieso eine regelmäßig-gebundene Aufgabe hat - denn wenn man in einem routinierten Arbeitslauf ist, erledigen sich die anderen Aufgaben teilweise einfach nebenbei.
Man darf sich halt nur nicht mal eben ein paar Minuten hinlegen oder auf die Couch setzen, dann ist nämlich wieder alles vorbei.

Definitiv ein schöner Text, der einem ein wenig alltägliche Selbstreflexion bietet.

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