Review: Arrival

13. Dezember 2016
Kategorien: Blog, Reviews & Empfehlungen

Arrival ist ein Film, für den mir ein wenig die Begriffe fehlen. Hier und da wird er als Science-Fiction bezeichnet, aber tatsächlich ist es ein Gemenge von Genres, Themen und Motiven, dass sich nur schwer unter einen Schirm packen lässt. Diese Mischung ist nicht konfus, sondern im Gegenteil sehr spannend und von einer Natur, wie ich sie im Kino schon lange nicht mehr erleben durfte. Insbesondere ist es eine hochwertige Produktion, die den optischen und akustischen Vergleich mit Blockbustern nicht scheuen muss, sich aber trotzdem traut mit den Mustern der gegenwärtigen Filmlandschaft zu brechen.

Arrival ist ein relativ langsamer und unaufgeregter Film. Er ist nachdenklich und intelligent, ergreifend und erwachsen. Trotzdem ist er nicht verkopft, rührig oder düster, sondern trifft eine Balance und Mischung, die den Zuschauer nicht überwältigt. Die Abwechslung sorgt dafür, dass man keinem der Elemente jemals überdrüssig wird. Man fühlt sich auch nicht überfordert, obwohl wirklich viel passiert. Nur passiert es eben ruhig und kontrolliert. Man ist als Zuschauer nie verwirrt, sondern fiebert mit wie die Protagonisten, die eindeutig fähiger sind als wir Zuschauer, sich dem nächsten Problem stellen und dies letztendlich lösen.

Letztlich ist Arrival eine Geschichte, die für das Medium Film geschrieben wurde. Arrival ist sehr visuell und verweigert uns die Kommunikation mit Tönen, wie wir sie zu nutzen gewohnt sind. Die Sets sind fast alle fremdartig, vom Feldlager des Militärs bis zum Raumschiff der Außerirdischen. Man hat stets das Gefühl einen Blick von einem Ort zu erhaschen, an den man nicht gehört. Dabei überzeugen die Sets durch Funktionalität und Intimität. Sie sind klein, eng, steril und oft fremdartig und drängen sich nicht in den Vordergrund, sondern unterstützen die Ereignisse, die wir auf der Leinwand sehen.

Falls das auch nur annähernd nach einem Film klingt, der euch interessieren könnte, dann schaut ihn euch an, bevor ihr weiter lest. Den Film ohne den Kontext einer bestimmten Erkenntnis zu besprechen ist zumindest mir nicht möglich.

Hervorragend in der Fremdartigkeit

Die Story, ganz kurz: Zwölf Raumschiffe tauchen über den Globus verteilt auf und hängen in der Luft. Die Linguistin Louise und der Physiker Ian werden damit beauftragt Kontakt mit den Aliens im Raumschiff an der Landestelle im US-Bundesstaat Montona aufzubauen. Da weder Sprache noch Schrift der Aliens auch nur annähernd vergleichbar mit denen auf der Erde sind, entwickelt sich ein Abenteuer um die Ergründung der Kommunikationsweise der Aliens, stets im Kontext globaler Politik (die Nationen mit weiteren Landestellen sind nur bedingt kooperativ) und persönlicher Ängste.

Obwohl Arrival kein aufregender Film ist, herrscht stets eine gewisse Spannung. Es gibt keine konkrete Bedrohung, aber es ist stets eine diffuse Gefahr präsent. Man ist sich nie sicher, wie das Militär oder die Regierung auf neue Erkenntnisse reagiert. Die Außerirdischen sind so andersartig in Erscheinung und verhalten, dass ihre Ziele lange Zeit vollkommen im Dunkeln bleiben. Jede neue Erkenntnis wirft vor allem ein Licht darauf wie wenig wir wissen und verstehen. Diese Unbegreifbarkeit nagt mehr an den Nerven als jede Zeitbombe. Statt eine Gefahr präsentiert zu bekommen, ist es dem Zuschauer überlassen zu spekulieren. Dadurch bleibt man der Handlung und den Figuren stets verbunden, ist gefesselt von den Ereignissen und mental stets gefordert. Da man nicht verwirrt wird erwächst daraus aber keine Überforderung. Auch dies ist genau richtig dosiert. Man lernt mit den Figuren, arbeitet sich vor und muss immer wieder ob der kleinen Erfolge lächeln.

Exzellent in seiner Komplexität

Was aus diesem guten einen hervorragenden Film macht ist die zweite Storyline, die sich erst im Laufe der Handlung eröffnet. Dies macht sogar im Kontext der Handlung Sinn und dreht einem umso mehr den Magen um, wenn man endlich begreift was vor sich geht. Wer entgegen meiner obigen Warnung weiter gelesen hat, obwohl er/sie den Film noch sehen will, der sollte JETZT DEFINITIV AUFHÖREN und sich den Film ansehen.

Jenseits dieses Satzes liegt ein Film-ruinierender Spoiler. Ihr wurdet gewarnt.

Der Twist ist einfach, aber so fremdartig, dass man nicht zu früh darauf kommt:
Die Sprache der Außerirdischen ist nicht-linear. Da Sprache formt wie man denkt, erlebt man durch erlernen der Sprache der Aliens auch andere Dinge plötzlich nicht-linear. Dies bedeutet insbesondere, dass man Zeit nicht mehr linear wahrnimmt, sondern Einblicke in die Zukunft bekommt. Die Szenen zwischen Louise und ihrer Tochter, die wir am Anfang des Films sterben sehen, finden in der Zukunft statt.
Wir lernen, dass Louise ihre Tochter an eine unheilbare Krankheit verliert und dass ihr Mann sie verlässt, als sie ihm eröffnet, welches Schicksal die Drei erwartet. Ihr Mann stellt sich als Ian heraus, wodurch der Film eine unerwartete romantische Dimension bekommt. Ich war froh, dass es in diesem Film keine Liebesgeschichte gab und auch durch diese Offenbarung ändert sich das nicht. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter steht immer im Vordergrund, aber die gute Zusammenarbeit von Louise und Ian erhält eine weitere Dimension. Die Erkenntnis fügt der Handlung etwas hinzu, ohne dass sie dadurch an anderer Stelle etwas verlöre.

Das Gefühl, als mir der Kontext der Szenen mit Louise’s Tochter bewusst wurde, lässt sich kaum in Worte fassen. Die Unausweichlichkeit der Situation trifft wie ein Schlag in die Magengegend, aber die Schönheit der Momente zwischen Mutter und Tochter, die gemeinsamen Erinnerung, die noch gar nicht stattgefunden haben, machen nachvollziehbar wieso Louise sich dafür entscheidet diesen Pfad zu gehen, obwohl sie weiß welches Schicksal sie erwartet.

Mehr davon!

Arrival besticht nicht durch eine einzelne Eigenschaft, sondern durch die Vielzahl an Facetten und wie gut diese sich zu einem großen ganzen zusammenfügen. Die verschiedenen Elemente sind aufeinander abgestimmt und weil keines von ihnen dominant ist, kann jedes Einzelne mehr tun und erreichen. Während die meisten Filme wie eine große Mahlzeit sind, nach der man sich voll und müde zurück lehnt, ist Arrival eher ein Buffet, dass einem eine große Auswahl präsentiert und an der man sich satt ist, ohne sich zu überfressen.

Arrival ist eine spannende Geschichte in einer interessanten Welt, mit greifbaren Charakteren, die verdammt gut erzählt wurde. Ein Film der es wagt mich als Zuschauer ernst zu nehmen und mir eine Handlung aufzutischen, statt mich damit zu füttern. Wo kriege ich mehr davon?

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