Review: Blade Runner 2049

13. Oktober 2017
Kategorien: Blog, Reviews & Empfehlungen

Es fällt mir schwer in Worte zu fassen, welche Erwartungen ich an Blade Runner 2049 hatte. Natürlich kannte ich den Vorgänger, aber als ich diesen zum ersten Mal sah, war er bereits 20 Jahre alt und der Kontext, sodass mir der Kontext, in welchem er entstand, fehlte. Ebenso wenig habe ich die anscheinend deutlich schlechtere Kinofassung mit Voice-Over und Happy End gesehen, sondern nur den „Final Cut“, welcher der ursprünglichen Vision von Ridley Scott am nächsten kommen soll. Blade Runner war kein Teil der Geek-Kultur meiner Generation, sondern eines der vielen Vorbilder, deren Namen man zwar kennt, mit denen man aber nur wenig verbindet.

Worauf ich mich einlassen konnte, war die Stimmung. Die teilweise sehr überzeichnete Dystopie einer Zukunft, in der Menschen praktisch vollkommen ersetzbar werden. Allumfassende Düsternis, kontrastiert gegen das grelle Neon der allgegenwärtigen Werbung. Der stetig wachsende Einfluss asiatischer Ästhetik und ein brutaler Soundtrack, dessen massiver Einsatz von Synthesizern oftmals mehr Geräusch als Ton war und trotzdem so gut passte. Für den Nachfolger hoffte ich auf mehr von dieser Welt und ließ mich von der Handlung und den Charakteren überraschen. Einzig die drei Kurzfilme, die im Vorfeld veröffentlicht wurden und die Zeit zwischen den beiden Filmen beleuchten, gaben mir ein wenig Kontext für die Dinge, die da kommen würden.

Rückblickend bereue ich keine dieser Entscheidungen.

Das Cyberpunk Genre hat in den letzten Jahren ein leichtes Revival erfahren: Die Bourne-Reihe, Elysium, der futuristische Handlungsstrang von Cloud Atlas, der geschnittene Anfang von Avatar (auf der Blu-Ray zu bewundern), die Neuverfilmungen von Ghost in the Shell und Total Recall, Ready Player One (Buch & Filme), die Wiedergeburt der Deus Ex-Videospiele…
Die Welt, die in diesen Werken gezeichnet wird, könnte auch einem der Genre-definierenden Romane der 80er-Jahre entstammen. Die Fragen, die Cyberpunk aufwirft, gewinnen wieder an Aktualität, da die Technologie sich rasend schnell dem annähert, was vor 30 Jahren noch als Science-Fiction durchging. In vieler Hinsicht sind wir heute schon weiter, als das Los Angeles des Jahres 2019, welches der erste Blade Runner-Film zeigt.

Entsprechend positiv war ich überrascht, wie viel Blade Runner 2049 sich traut. Der Film beleuchtet viele schwierige Themen ohne sich damit aufzudrängen, einfach nur durch Darstellung der Problematik. Selbst nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, fällt es mir schwer die einzelnen Themen aufzulisten, da sie so eng miteinander verwoben wurden, dass ich kaum sagen kann wo bzw. ob das eine Thema endet und das nächste beginnt. Vielmehr besticht der Film darin, die Gesamtproblematik der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung, welche uns in den kommenden Jahrzehnten bevorstehen könnte, mit einer erdrückenden und gleichzeitig selbstverständlichen Schwere zu zeigen. Wie, außer durch eine ganzheitliche Betrachtung, sollte all das auch glaubhaft dargestellt werden?

Künstlerisch bietet der Film keine Revolutionen, ist aber sehr kompetent ausgeführt. Somit folgt er dem Trend, die Cyberpunk-Ästhetik nicht neu zu definieren, sondern sie mit neuen Technologien zu perfektionieren und von einer Comic-artigen Überzeichnung in eine glaubhafte Zukunftsvision zu überführen. Diese Aufgabe gelingt dem Film eindeutig, denn es gab wirklich keinen Handlungsort und keine Technologie, die mir grundsätzlich unglaubhaft schien. Ausgenommen vielleicht die Replikanten und das Thema künstliche Intelligenz, welches sich in der Realität wesentlich langsamer entwickelt, als von den Filmen prognostiziert. Aber das nehme ich klaglos als Setzung des Blade Runner-Universums hin.

Besonders hervorheben möchte ich das Sound-Design, welches die Stimmung mit seinen lauten, abrupten Tönen und Geräuschen gelungen untermalt. Auch hier wurde nicht vom Original kopiert, sondern abgepaust und angepasst. Die Filmmusik steht auf eigenen Füßen und muss den Vergleich mit Vangelis nicht scheuen.

Die Charaktere sind in ihrer Veranlagung teilweise unerwartet, insgesamt sehr kreativ gestaltet und so plastisch, dass ich mich immer wieder fragte, welche Tricks die Schreiber angewandt hatten, um diese Wirkung zu erreichen. Es ist kaum möglich etwas über den Inhalt des Films und seine Protagonisten zu verraten, ohne dadurch auch die Handlung offen zu legen. Daher sei nur erwähnt, dass die Charaktere oftmals auf faszinierende, unerwartete Weise divers sind, teilweise in Aspekten, die erst durch die Setzungen des Blade Runner Universums zugänglich sind. Selbst Charaktere, die nur in ein oder zwei Szenen auftreten, haben prägende Merkmale, die sie in Erinnerung bleiben lassen. Im ganzen Film gibt es nur einen Charakter, der sich durch einen Stereotypen annähernd treffend beschreiben ließe. Der Rest glänzt durch komplexe Veranlagungen und Hintergründe, die immer wieder mit Relevanz hervorbrechen und den Verlauf der Handlung beeinflussen.

Zuletzt muss ich dem Regisseur ein großes Lob für seine Handwerkskunst aussprechen. Blade Runner 2049 ist 2 Stunden und 45 Minuten lang und fühlt sich auch lang an, aber im absolut, unbestreitbar positiven Sinne. Statt eine überladene Handlung in zu großer Breite zu präsentieren, lässt der Film sich immer wieder Zeit bildgewaltige Szenen zu zeigen und die Handlung sacken zu lassen. Es gibt mehrere emotionale Tiefschläge, die alle den nötigen Raum bekommen, sich im Bewusstsein des Zuschauers festzusetzen und zu reifen. Wenn diese Elemente später wieder aufgegriffen werden, legen sie den Nährboden für eine Handlung, die zunehmend existenziellere Fragen stellt und welche in einem hektischeren Film nicht funktionieren würde. Mit einem strafferen Schnitt hätte sich sicher eine halbe Stunde kürzen lassen, ohne dass Plotpunkte verloren gegangen wären, aber die Wirkung bliebe nicht annähernd die gleiche.

Zu den wenigen Schwächen des Films zählt die Antagonistin, die man zwar wunderbar hassen kann, deren Motivation aber zu dünn ausgearbeitet ist. Sie ist kompetent und gefährlich und würde in den meisten Filmen nicht negativ auffallen, aber im Vergleich mit den restlichen Charakteren sticht sie negativ heraus. An einigen wenigen Stellen konnte ich logischen Schlüssen der Charaktere nicht folgen, bin mir aber noch nicht sicher, ob das wirklich Logiklücken sind, oder ob ich eine wichtige Information verpasst habe. Zuletzt fehlt mir das „Punk“-Element ein wenig, denn vom Elend des Lebens in Los Angeles im Jahre 2049 bekommt der Zuschauer nur an zwei Stellen im Film direkt mit. Deswegen würde ich ihn auch eher als futuristischen Thriller, denn als Cyberpunk-Film klassifizieren.

Weil ich Zahlen mag zum Abschluss noch meine Bewertung in dieser Form.

Optik: 9,5/10
Akustik: 9,5/10
Charaktere: 9/10
Story: 8,5/10
Fazit: Würdiger Nachfolger eines Klassikers, der diesen in mancher Hinsicht sogar übertrifft, dabei aber das Genre wechselt und dadurch vielleicht Erwartungen enttäuscht.

Hat dir dieser Artikel gefallen?
Dann registriere dich für den Newsletter, um Veranstaltungs­hinweise, exklusive Leseproben, Veröffentlichungs­termine und eine quartalsweise Zusammenfassung interessanter Blogbeiträge bequem per E-Mail zu erhalten.

Kein Spam, keine Werbung, kein Blödsinn. Versprochen.

Jetzt eintragen:

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Beitrag. Sei der Erste, der etwas dazu schreibt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.