Irgendwie bezahlt man immer

25. Oktober 2017
Kategorien: Blog, Allgemein

Über Geld redet man nicht. Über kein Geld schon gar nicht. Die Deutschen haben ein verkrampftes Verhältnis zum Geld. Kein Wunder, schließlich haben wir nie gelernt damit umzugehen und machen u.a. deswegen immer wieder schlechte Erfahrungen damit. Nach dem Debakel, das Anleger in den 90ern mit der „Volksaktie“ Telekom durchlitten hatten, wandten sich viele potenzielle Investoren angewidert vom Thema Geldanlage ab. Dabei hätte jeder mäßig kompetente Anlageberater ihnen als allererstes davon abgeraten, ihr Vermögen in nur eine Anlage zu investieren. Doch statt sich solche grundlegenden Kenntnisse anzueignen, beschweren wir uns lieber über die knapp-über-Null-Zinsen, die es auf dem Tagesgeldkonto gibt und tragen doch brav all unser Erspartes dorthin, sodass die Bank keinerlei Anlass hat, uns ein besseres Angebot zu machen.

Nichts über Finanzen zu wissen ist in Deutschland bizarrer weise fast schick. Man redet in der Familie nicht über Geld, egal ob Budget, Kredit oder Aktienfonds. Die Kollegen nach dem Verdienst zu fragen ist unhöflich und in der Schule kommt das Thema vielleicht als Rechenbeispiel im Mathe Unterricht vor. Oder wie eine Abiturienten es 2015 formulierte:

Dieses Unwissen ist schädlich genug, wenn man Erspartes hat, doch es trifft diejenigen besonders schlimm, die sowieso nichts haben. Kein Geld haben und damit auch nicht umgehen können, ist der schnellste Weg in die Armutsfalle, aus der man aus eigener Kraft kaum mehr entkommt. Denn arm sein ist teuer. Sehr teuer. Das alte Sprichwort „Wer billig kauft, kauft mehrfach“ ist nur die Spitze des Eisbergs versteckter Kosten, die man nie zu Gesicht bekommt, wenn auf dem eigenen Konto zumindest ein kleiner Puffer liegt. Ersatzbeschaffungen schlagen monatelange Löcher ins Budget, Schuldzinsen fressen jeden noch so kleinen Überschuss auf und die Lebenshaltungskosten sind höher als in manchem Haushalt der Mittelschicht, weil man Einsparmöglichkeiten nicht nutzen kann. Egal wie günstig das Gemüse diese Woche ist, wenn man es in seiner kleinen Wohnung nicht sinnvoll lagern kann, ohne Auto nicht transportiert bekommt und sowieso nur noch 4,81 € in der Tasche hat, dann kann man nicht auf Vorrat kaufen.

Wenn gar nichts mehr geht, spart man an sich selbst. Ungesunde Ernährung ist günstig. 500g Nudeln kosten 39 Cent. Ein Apfel auch. Von Nudeln mit Butter wird man zwar nicht richtig oder nicht lange genug satt, aber die Kalorienanzahl stimmt immerhin. Im Körper herrscht trotzdem ständig Alarm, denn der Kreislauf schwankt mehrmals täglich zwischen Kohlenhydrat-Überschuss, der in Fettpolster umgeleitet wird, und Blutzuckermangel, aus dem Heißhunger erwächst. Wer als Kind so lebt, ist in der Schule natürlich nicht fit, schreibt schlechte Noten und wird nach der 4. (mancherorts 6.) Klasse so einsortiert, dass aus diesem Missstand Normalität wird. Für mehr hat es halt nicht gereicht. Ob das an der Begabung, dem Arbeitswillen oder den Umständen lag, interessiert häufig nicht.

Wenn die Eltern entweder den ganzen Tag arbeiten, um sich irgendwie über Wasser zu halten, oder sich nach jahrelanger Mangelverwaltung aufgegeben haben und nur noch versuchen Sanktionen seitens der Sozialbehörden zu entkommen, tun sich natürlich Lücken in der Erziehung auf. Wie soll man Haushaltsgeld, Lagerhaltung und gesunde Ernährung lernen, wenn nie über Geld geredet wird, der Wocheneinkauf purer Stress für die Eltern ist, den sie nur schnell hinter sich bringen möchten, und unter der Woche höchstens mit der Mikrowelle gekocht wird?

Kein Geld haben und sich aufgeben, nicht mehr vernünftig aus dem Bett kommen oder schlicht keine Kleidung haben, mit der man sich sehen lassen will, all das sind Faktoren, mit denen manche Eltern kämpfen müssen, die die Erziehung gefährden und mittelfristig zu sozialer Isolation führen. Alkohol und Nikotin lindern das Leid ein wenig, schmälern die Haushaltskasse aber auch ungemein. Manches Kind musste schon bis zum Monatsende mit kaputten Schuhen und nassen Füßen herumlaufen, weil Mama und/oder Papa nicht auf ihre Zigaretten verzichten konnten.

So lernt man falsche Prioritäten zu setzen oder weiß schlicht nicht, welche Möglichkeiten man hat. Ich lerne gerade, kurz vor meinem 30. Geburtstag, wie man eine Küche richtig putzt. Richtige Zahnhygiene habe ich mir mit 24 selbst (wieder) beibringen müssen. Lagerhaltung war nie ein Thema, denn es war sowieso nie Geld da, um mehr zu kaufen, als man in den kommenden Tagen brauchen würde. So sammeln sich die Dinge, die man nie gelernt hat:

  • Das Bad oder die Küche richtig entlüften, um Schimmelbildung zu vermeiden.
  • Mehr als ein Paar Schuhe haben und diese abwechselnd benutzen, damit sie nicht stinken und nach einem halben Jahr durchgelaufen sind.
  • Ein Budget machen, damit auch nach dem 20. noch Geld da ist.
  • Tropfende Wasserhähne, verhakte Fensterläden und nicht anspringende Heizkörper sind kein Normalzustand und können behoben werden.
  • Kleidung bügeln und richtig aufhängen, damit man nicht aussieht, als lebe man aus dem Wäschekorb.
  • Sich bei Zahlungsverzug beim Schuldner melden und eine Lösung finden, statt zu hoffen, dass es nicht auffällt und die Mahnkosten zahlen.
  • Langfristige Ziele formulieren und schrittweise darauf hinarbeiten, statt sich von einer Krise zur nächsten hangeln.
  • Und vieles mehr…

Das geht an die Gesundheit und ans Wesen. Umso mehr, wenn das Hirn irgendwann nach Ausflüchten sucht. Alkohol, Nikotin, Schokolade, Videospiele, Fernsehen, Sex; die Lösungsansätze sind so verschieden wie die Probleme. Aber sie alle produzieren kaputte Menschen, die mit sich und ihrer Umwelt nicht umzugehen wissen.
Menschen, die an scheinbar trivialen Problemen scheitern, weil sie Grundlegendes nie gelernt haben.
Menschen, die Termine nicht einhalten können und die sich ausgeschlossen fühlen, wenn andere von ihrem Urlaub erzählen, weil sie in den letzten 20 Jahren nie mehr als 50 Kilometer von ihrer Wohnung entfernt waren.
Menschen, die viermal so oft krank sind wie andere, weil sie sich nicht warm genug kleiden (können), ungesund essen und lieber eine Erkrankung drei Wochen lang verschleppen, als einmal siebzehn Euro – die sie nicht haben – für ein Medikament zu bezahlen.
Menschen, die weinend im Supermarkt stehen, weil sie die ganze Woche über mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert wurden und die Kekse, mit denen sie sich für den beschissenen Tag entschädigen wollten, heute ausverkauft sind und sie nicht wissen wohin mit ihrem Frust, weil ihre Freunde sie aufgrund ihres Geldmangels schon lange nicht mehr zu abendlichen Aktivitäten einladen und ihre Partner genauso kaputt sind wie sie und sie. Einfach. Nicht. Mehr. Können.

Als Altkanzler Schmidt sagte, dass manches, was man heute als Armut beklagt, in seiner Kindheit beinahe kleinbürgerlicher Wohlstand gewesen wäre, hätte ich ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt. Der kleinbürgerliche Wohlstand war Normalität, war das Niveau aller, war kein Grund auf jemanden herabzublicken, ihn auszuschließen, etwas das man verstecken musste und worunter man litt. Als Thilo Sarrazin vorrechnete, wie man vom ALG-II Regelsatz abwechslungsreich essen könne, konnte mir keiner erklären, wo es so kleine Packungen zu kaufen gibt, dass ich nicht die Hälfte meines abwechslungsreichen Einkaufs nach 2 Wochen wegschmeißen muss. Und natürlich muss alles vom Billigsten sein. Schweinefleisch für 4,99 € das Kilo. Butter möglichst geschmacklos, vielleicht noch preisreduziert. Brot natürlich nur in der günstigen Weißmehlausführung. Saft nur als Konzentrat, das nach Plastik und Schwimmbadwasser schmeckt Wer auf dem Land lebt, wo es statt Netto und Penny nur einen Edeka gibt, der hat halt Pech gehabt. Mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten muss man alleine zurecht kommen. Verantwortung übernehmen, für sich und sein kaputtes Erbgut.

Wenn das Geld alle ist, zahlt man mit etwas anderem. Mit Zeit, physischer und psychischer Gesundheit oder mit seinem sozialen Stand. Diese Faktoren kann oder will niemand mit Geld bemessen und weil das alles ist, was zählt, schlagen alle ratlos die Hände über den Köpfen zusammen, wenn junge Menschen nach der Schule ins Berufsleben übertreten und sich dort in vieler Hinsicht als menschlich völlig untauglich erweisen. Dann sind wieder alle Schuld: Die Eltern, die Lehrer, die Kultusminister, die Videospiele, das Fernsehen, das Internet. Nur nicht das fehlende Geld und die daraus erwachsenen, über Jahrzehnte anerzogenen schlechten Eigenschaften. Denn über Geld redet man nicht. Aber irgendwie bezahlt man immer.

Hat dir dieser Artikel gefallen?
Dann registriere dich für den Newsletter, um Veranstaltungs­hinweise, exklusive Leseproben, Veröffentlichungs­termine und eine quartalsweise Zusammenfassung interessanter Blogbeiträge bequem per E-Mail zu erhalten.

Kein Spam, keine Werbung, kein Blödsinn. Versprochen.

Jetzt eintragen:

Kommentare

"Kitty" schrieb am 07. November 2017 um 01:41 :

Ich hab den Artikel gerade gelesen und er macht mich wahnsinnig traurig :(
Ich kenne ein paar der Aspekte, die du ansprichst. Und ich glaube, vielen Menschen ist nicht klar, wie viel fehlende finanzielle Möglichkeiten ausmachen. Da hängt einfach so viel mehr dran ...
Aber auf der anderen Seite finde ich, dass es unglaublich Mut macht zu sehen, dass man nicht alleine ist und, vor allem, dass es einen Weg gibt, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist kein schöner und sicher auch ein sehr mühsamer Weg. Aber man kann vieles noch lernen. Das macht nicht alles wieder gut und rettet auch keine Kindheit, aber es ist ein Anfang :)

Und, ganz wichtig: Ich finde es wahnsinnig wichtig, darauf hinzuweisen, dass Geld eine Rolle spielt, ob man darüber redet oder nicht.
Nur weil man versucht, es totzuschweigen, ist es nicht plötzlich irrelevant.
Und je mehr Menschen man in dieser Hinsicht die Augen öffnen kann, desto besser.

Ich hoffe, du erreichst damit viele, viele andere, die das lesen sollten! ♥

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.