Vom Liken lernen

2. August 2017
Kategorien: Blog, Allgemein

Als ich vor bald fünfzehn Jahren ein ICQ-Konto registrierte, gehörte ich vielleicht nicht zur Speerspitze der Entwicklung, aber doch zu den früheren Nutzern textbasierter Kommunikation. E-Mails waren bereits relativ verbreitet, wurden von vielen aber als reine Spielerei betrachtet. Profis und Enthusiasten tummelten sich in Newsgroups und auf IRC-Servern und wer ein Handy besaß, konnte natürlich auch SMS versenden. Für die meisten Menschen bedeutete textbasierte Kommunikation aber immer noch einen Brief zu schreiben.

Wie alles Neue, galt die textbasierte Kommunikation als minderwertig. Wer nur miteinander schreibe, könne doch gar keine echte Bekanntschaft aufbauen, keine Freundschaften schließen und sich auch nicht lieben lernen. Wie sehr diese Aussagen an der Lebensrealität vorbeigingen, hätte die Beobachtung jeder beliebigen Unterhaltungen nach Schulschluss eröffnet: „Bist du nachher noch on?“, war eine oft gestellte Frage, denn wir nutzten Kurznachrichtendienste vor allem, um mit Freunden und Schulkameraden in Kontakt zu bleiben.

Reine Internetbekanntschaften wurden häufig nur von gemeinsamen Interessen getragen. Erlosch das gemeinsame Interesse, endete auch die Bekanntschaft. Viel wichtiger war uns, wie einfach die Kurznachrichtendienste es machten mit Freunden und Bekannten Kontakt zu halten. Niemand käme auf die Idee, zwischen den Deutsch und Mathe-Hausaufgaben kurz zu den Nachbarn zu gehen, um sich über die Wochenendpläne oder den Stand der Beziehung zu unterhalten. Eine Textnachricht jedoch war schnell abgesetzt, kostenlos (im Gegensatz zum Telefonat oder der SMS) und konnte vom Empfänger gelesen und beantwortet werden, wann er Zeit hatte. Antwortzeiten von Minuten oder Stunden waren normal.  Diese asynchrone Kommunikation machte es viel einfacher den Kontakt zu erhalten, weil man auch dann miteinander reden konnte, wenn man nicht gleichzeitig einen freien Moment hatte.

Kommunikation 2.0

Ende der 00er Jahre schien es so, als ersetzten soziale Netzwerke die dedizierten Kurznachrichten-Dienste wie ICQ, AOL, YIM und MSN. Doch mit der Verbreitung des Smartphones traten Dienste wie Hangouts, WhatsApp, Telegram und Facebook Messenger in die Fußstapfen ihrer Computer-gestützten Vorgänger. Die interessantere Entwicklung fand indes fast unbemerkt in den sozialen Netzwerken statt, wo eine neue Form der Kommunikation etabliert wurde: Die sprachfreie Kommunikation.

Was Facebook mit dem „Gefällt mir“-Daumen und Twitter mit gleichnamigen Herzen einführte, war nichts anderes als eine stille Revolution. Das Fehlen nonverbaler Kommunikation wird gerne als Argument angeführt, warum ein rein textbasierter Austausch dem Gespräch von Angesicht zu Angesicht unterlegen sei. Doch wir nutzen Mimik und Gestik nicht nur, um unsere Aussagen zu nuancieren, sondern wir kommunizieren manchmal auch ganz ohne Sprache. Ein aufmunterndes Zunicken quer durch den Raum, um jemandenvor seinem Vortrag noch einmal Mut zu machen, ist eine mächtige Geste, die kaum in Worte zu fassen ist. Ebenso der anerkennende Blick, wenn wir miterleben, dass jemand selbstlos hilft.

Diese kleinen Gesten der Anerkennung sind wichtig für uns, denn wenn unsere Mühen nicht anerkannt werden, könnten wir fälschlicherweise zu dem Schluss kommen, dass das, was wir tun, und damit letztendlich auch wir selbst, belanglos sind. Stumme Zustimmung ist etwas, was sprachlich fast nicht (elegant) ausgedrückt werden kann. Der Daumen und das Herz hingegen sind schnell gedrückt und schicken viele Nachrichten auf einmal: Ich habe deine Nachricht gelesen. Ich bin an dir und deinem Leben interessiert. Was du getan oder gesagt hast ist toll! Und nicht zuletzt: Wir bleiben in Kontakt.

Grenzen und Möglichkeiten von Textnachrichten

So sehr mich die Vorteilen früher textbasierter Kommunikation begeisterterten, muss ich rückblickend zugeben, dass mir diese stille Anerkennung gefehlt hat. Die fehlende Anerkennung für meine Taten hat mich in meiner Jugend daran zweifeln lassen, ob das, was ich mit meinem Leben tat, überhaupt eine Daseinsberechtigung hatte. Umso mehr bedeutet es mir heute,wenn ich Anerkennung erfahre, selbst wenn es „nur“ durch den Klick auf das rote Herz bei Twitter passiert.

Dass dies alleine nicht ausreicht, habe ich auf dem diesjährigen LitCamp lernen müssen, wo ich zum ersten Mal seit fast einem Jahr wieder die Gelegenheit hatte mich mit vielen Menschen zu unterhalten, die ich sonst nur als Text auf meinem Notebook oder Smartphone erlebe. Als ich dort äußerte, dass einige meiner Projekte brach lägen, weil ich so wenig Rückmeldung bekam, blickte ich in verwirrte Gesichter. Schließlich hatte man doch so fleißig das Herzchen gedrückt und Beiträge geteilt. Doch darauf geantwortet haben nur wenige, sodass ich nie mehr als eine flüchtige Aufmerksamkeit erlebte. Wie ein Lächeln im Vorbeigehen. Schön, aber nichts was hängen bleibt.

Ich bin mittlerweile doppelt so alt wie damals, als ich mich bei ICQ registrierte. Ob es die Erfahrung ist, zur ersten Generation zu gehören, die so umfassend textbasiert kommunizierte und alle zugehörigen Fehler machte, ob es meine allgemeine Lebenserfahrung ist oder ein ganz anderer Faktor (oder eine Mischung aus alledem), das kann ich auch im Rückblick nicht unterscheiden. Was ich aber aus dieser Rückbetrachtung gelernt habe ist, dass wir Menschen soziale Wesen sind, die ohne die Anerkennung unserer Mitmenschen kaputt gehen. Die kleinen Anerkennungen sind eine wohltuende Bereicherung, aber ohne substanzhaltige Interaktion vergehen sie, als wären sie nie dagewesen.

Die Welt verändern, zum Besseren

So wie das Web 2.0 die Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten aufgeweicht hat, so erlebe ich auch im „echten“ Leben, dass die Menschen immer offener miteinander umgehen, dass Förmlichkeiten wegfallen und dass man auf Augenhöhe miteinander kommuniziert und den anderen für das nimmt, was er ist. Auch das sind kleine Zeichen der Anerkennung und ich freue mich jedes Mal, wenn sie mir auffallen. Aber darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass zwischenmenschliche Beziehungen auf stabilen Füßen stehen müssen, bevor wir sie ausschmücken sollten.

Es braucht eine Balance, die ich noch nicht perfekt herausgearbeitet habe. Aber ich bin auf dem richtigen Weg und mit ein bisschen Glück brauche ich nicht noch einmal 15 Jahre, bis auch das klappt. Bis dahin sollten wir vielleicht einfach wieder ein bisschen mehr miteinander reden.

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Kommentare

"Toni Scott" schrieb am 03. August 2017 um 01:11 :

Auf ICQ,
lieber Marco,
habe ich mich in den späten Neunzigern auch mal herum getrieben. Für ein paar Tage, da fragte nämlich ein israelischer Vater an, ob ich nicht seinen Sohn heiraten wollte (ich war schon verheiratet) und nach Jerusalem ziehen wollte. Da habe ich begriffen, dass das nichts für mich ist. ICQ nicht und der Sohn auch nicht. Ich stimme Dir zu, dass man anhand von Herzchen und Daumen nicht beantworten kann, ob man nur angelegentlich durch jemandes Timeline huscht oder fester und geschätzter Bestandteil eben dieser ist. Ich habe mich jedenfalls gefreut, Dich in Heidelberg kennenzulernen und ziehe - old School - das "Auge zu Nase" vor.
Schreibgrüße aus dem Norden, Toni

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