Weltenbau mit Bullshitting und Selbstvertrauen – Teil I: Systeme, Zwänge, Pen&Paper

10. September 2017
Kategorien: Blog, Pen & Paper, Schreiben, Spielleiter Ecke, Worldbuilding

Dieser Beitrag ist Teil der Verschriftlichung der Konzepte, die ich in meiner Session auf dem LitCamp 2017 in Heidelberg vorgestellt habe. Eine Videoaufzeichnung des Vortrags wurde auf dem YouTube Kanal des LitCamps hochgeladen.

  • Teil I: „Systeme, Zwänge, Pen&Paper“ ist dieser Beitrag.
  • Teil II: „Die Illusion der Komplexität“ findet Ihr hier.

Vorbemerkung

Ich spiele seit 16 Jahren Pen&Paper Rollenspiele, hauptsächlich in der Funktion des Spielleiters. Pen&Paper Rollenspiele kann man sich als interaktives Geschichten erzählen vorstellen, bei dem jeder Spieler die Rolle eines Charakters übernimmt, während der Spielleiter alle anderen Figuren und die gesamte Umwelt darstellt. Es gibt viele Regelsysteme, die helfen diese interaktiven Geschichten in gelenkten Bahnen auszuleben, ohne dass es zu einer reinen Wunscherfüllungsorgie verkommt. „Ich erschlage den Drachen!“, ist so nicht möglich, weil jeder Charakter Attribute und Fähigkeiten hat, die beschreiben, wozu er oder sie fähig ist. Ein Drache wird normalerweise nicht von einem einzelnen Schwerthieb nieder gestreckt. Wie viele Schwerthiebe es braucht (und was der Drache tun kann, um sein verfrühtes Ableben zu verhindern) bestimmen die Regeln.

Pen&Paper Rollenspiele sind ein inhärent interaktives Medium. Anders als im Brett- oder Videospiel kann jeder Spieler deklarieren, dass sein Charakter sich umdreht und in eine andere Richtung geht, als die Handlung dies vorsieht. Es liegt dann am Spielleiter, den Spielern trotzdem eine glaubhafte, idealerweise lebendige und interessante Welt zu präsentieren. All dies geschieht durch Beschreibungen und manchmal Zeichnungen oder Karten. Was der Spielleiter nicht beschreibt, das existiert auch nicht. Daher ist es enorm wichtig, dass der Spielleiter sich in der Spielwelt auskennt, denn sonst vergisst er möglicherweise wichtige Informationen zu erwähnen.

Zu den verschiedenen Spielwelten (auch Setting genannt) gibt es unzählige Hintergrundbücher, die mal mehr, mal weniger ausführlich beschreiben, wie ein Land aussieht, welche Menschen und Tiere (und anderen Wesen) dort leben, welche Eigenheiten die Kultur der Einwohner aufweist, welche Religion dort vorherrschend ist, wie die Gesellschaft strukturiert ist, wie man Häuser baut, wer welche Rechte hat und noch vieles mehr. Hinzu kommen Orts- und Personenbeschreibungen; mal als Beispiel, mal um besonders wichtige Orte und Spielwelt-Charaktere auszugestalten, die in Romanen, Abenteuer-Modulen oder anderen Publikationen auftreten.

Diese Informationen kann natürlich niemand vollständig im Kopf behalten, weshalb ich in meiner Rolle als Spielleiter immer wieder auf Tricks zurückgreife, um diese Lücken ad-hoc zu füllen. Im Laufe meiner Spielleiter-Karriere habe ich Techniken entwickelt, um die wichtigen Informationen herauszufiltern und so zu verstauen, dass ich glaubhafte Welten spontan aus meinem Fundus an Hintergrundwissen erschaffen kann, selbst wenn mir das konkrete Detail nicht einfällt. Dieser Prozess, etwas zu erschaffen und zu verwenden, als ob es tatsächlich so wäre, obwohl ich es mir gerade aus den Fingern gesaugt habe, ist was ich mit Bullshitten meine. Und das Selbstvertrauen? Das kommt, wenn man eine Methode entwickelt und verinnerlicht hat, die einem die nötigen Werkzeuge dafür an die Hand gibt.

Weltenbau mit System

Die grundlegende Annahme meiner Weltenbau-Methode ist, dass unsere und alle anderen Welten relativ vorhersehbar sind. Wir alle sind ständig verschiedensten Zwängen ausgesetzt, denen wir uns größtenteils freiwillig fügen, weil sie unser Leben einfacher machen. Ein Ladengeschäft wird mir beispielsweise eine Ware verkaufen, wenn ich mit dieser an der Kasse stehe. Der Verkäufer unterliegt dem Zwang mir die Ware zu verkaufen, selbst wenn er mich oder die Ware nicht mag. Wenn wir uns morgens einkleiden, folgen wir den Konventionen unseres Umfelds und werden zum Beispiel kein Bandshirt samt löchrigem Rock anziehen, wenn ein wichtiger Termin mit einem Firmenkunden ansteht. Wir gehen auf dem Bürgersteig, nicht auf der Straße. Wir warten in der Schlange und drängeln uns nicht vor. Wir stehen einander nicht im Weg, schreien in der Öffentlichkeit nicht herum und Fremde nicht unvermittelt an. Tun wir dies doch, dann fallen wir negativ auf und erfahren Ächtung durch unsere Mitmenschen.

Diese Zwänge machen es einfach vorherzusehen, wie eine Person oder eine Gesellschaft auf ein bestimmtes Ereignis reagieren wird. Ist es kalt, dann ziehen wir uns dick an und bleiben in geschlossenen Räumen. Ist es heiß, dann sind wir leichter bekleidet, suchen die Schatten und meiden die Mittagssonne. Überall auf der Welt folgen die Menschen ähnlichen Mustern, deren Details durch kulturelle Konventionen bestimmt werden. Das Kastensystem Indiens gab es abgeschwächt auch in Europa, in Form unehrenhafter Berufe, wie dem Scharfrichter oder dem Geldverleiher. Sippen haben im arabischen Raum einen höheren Stellenwert als anderswo, aber das Konzept der erweiterten Familie ist weltweit bekannt. Religion wird mal öffentlich, mal persönlich ausgelebt (oder abgelehnt), aber fast jeder Teil der Erde kennt organisierte Religion und einen Klerus; von der Naturreligion der Aborigines mit ihren Schamanen, über den polytheistischen Hinduismus mit seinen Gurus, bis hin zur straff durchorganisierten katholischen Kirche, mit ihren Priestern, Bischöfen und schließlich dem Papst.

Allgemein lernen, konkret ausgestalten

Hinter all diesen Einzelinformationen steckt ein System, dass ich entziffere, um die dahinterstehende Funktion zu erfassen. Der organisierte Klerus der katholischen Kirche ist zum Beispiel eine Form von Autorität, die Macht über ihr Umfeld ausübt. Brauche ich in meiner Geschichte eine Autoritätsfigur, kann ich die Schablone des örtlichen Priesters auspacken und diese im Nachgang mit Details ausfüllen, um sie lebendiger zu machen. Diese Details werden wiederum von dem Umfeld meines Handlungsorts bestimmt. In einem abgelegenen Dorf mag der Priester die einzige Autoritätsfigur sein, während in einer Stadt eine Gilde, ein Lokaladeliger, ein Politiker oder ein konkurrierender Kult präsent sein können. Entsprechend kann es sich der Priester in der Stadt wahrscheinlich nicht leisten tyrannisch aufzutreten, außer vielleicht, wenn seine Religion die Schlechtigkeit der Welt anprangert und von seinen Anhängern totale Unterwerfung, zur Buße und Errettung ihrer Seelen fordert. Die konkurrierenden Machtgruppen werden entsprechend auf ihn reagieren; sympathisierend, misstrauisch, opportunistisch oder offen feindselig.

Dieses Beispiel zeigt, wie schnell sich aus einigen wenigen Parametern (Autoritätsfigur, Klerus, Stadt, Konkurrenz) das komplette Umfeld der Handlung entwickeln lässt. Je mehr man mit dieser Methode arbeitet, desto leichter fällt es diese Verbindungen herzustellen, weil man aus einem immer größeren Fundus an Rollen, Figuren, Orten, Beziehungen, Eigenschaften und Umständen zehren kann. Die ersten Schritte möchte ich in den folgenden Beiträgen gemeinsam mit euch gehen. Da der Prozess so modular ist, können wir ganz einfach anfangen und uns dann nach und nach zu den verschiedenen Wissensgebieten, die aufeinander aufbauen und einenander beeinflussen, vorarbeiten. Auf dem Weg gibt es außerdem einige Tips, wie (und manchmal wo) ihr euch das notwendige Wissen aneignen könnt, ohne dafür ein Studium absolvieren zu müssen. Und natürlich gibt es viele, viele, viele kleine Abkürzungen, die euch helfen mit wenig Arbeit den Anschein einer tiefen und komplexen Welt zu erwecken.

Am Ende der Reihe blickt ihr hoffentlich auf euer neu erworbenes Wissen zurück und fragt euch, wann ihr mit so kleinen und vergleichsweise simplen Schritten, eine solch enorme Entfernung zurückgelegt habt. Jede noch so lange Reise beginnt mit nur einem Schritt. Es muss halt der richtige sein.

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Kommentare

"Stefanie" schrieb am 10. September 2017 um 05:35 :

Guter Anfang!
Ich freue mich schon auf mehr.
Wirst du auch Dinge ansprechen, die nicht im Video sind?

"marco" schrieb am 12. September 2017 um 03:46 :

Hallo Stefanie!

In der Breite gibt es gar nicht so viel, was im Video nicht auch schon erwähnt wurde, aber ich werde viel mehr in die Tiefe gehen und vieles aufdröseln, was im Video nur mit einem Halbsatz oder einem Wort erwähnt wurde.

Ein wirklich neuer Punkt ist die Wissensaneignung und erfahrungsgemäß werden sich beim Schreiben hier und da noch Nebenschauplätze auftun, die aufrund der begrenzten Zeit einfach nicht in die Session passten.

Insgesamt möchte ich mehr auf das "Wie" eingehen, während der Vortrag sich auf das "Was" konzentrierte. Aber wenn mir eine gute Idee kommt (oder in den Kommentaren über den Weg läuft ;) ), die in eine andere Richtung geht, lasse ich mich davon natürlich gerne inspirieren.

"The Tolkien Disease - Weltenbau mit Bullshitting und Selbstvertrauen – Teil II: Die Illusion von Komplexität - Literarisches Zuhause von Marco M. Anders" schrieb am 05. October 2017 um 03:49 :

[…] Teil I: „Systeme, Zwänge, Pen&Paper“ findet Ihr hier. […]

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